HC Landesverband Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen
HC Landesverband Thüringen, Sachsen-Anhalt, Sachsen

Ammenkuh - Vom Suchen und Finden einer Ersatzmama 
Autorin: Petra Scharfe

Am 29.März 2016 bekam meine Lieblingskuh Dertrud  ein Mädchen. Auch eine kleine Dertrud. Normalerweise gab es bei dieser erfahrenen jetzt neun Jahre alten Kuh keine Probleme.  Immer gut Milch, große und kräftige Kälber, die auch den Weg zur Milchbar alleine fanden. Doch in diesem Jahr sollte es anders sein.

Bereits am nächsten Tag bemerkten wir, dass das Kalb ein wenig eingefallen aussah. Also holten wir Kuh und Kalb von der Weide und brachten sie zu uns nach Hause auf den Hof.

Zuerst denkt man natürlich, dass das Kalb zu dumm zum Saufen ist, zumal das Euter straff war. Also probieren, ob Milch aus dem Euter fließt – macht es, dann Kalb anhalten und versuchen, dass es irgendwie trinkt. Macht es auch, gibt aber nach wenigen Zügen auf. Das ganze Procedere an allen Strichen. Kurz trinken – Schluß. Klein Dertrud machte zunächst auch einen zufriedenen Eindruck, legte sich ins Stroh und machte keinen weiteren Versuch zu trinken.

Aber es lässt einem ja doch keine Ruhe und so starteten wir nach ein paar Stunden den nächsten Versuch mit gleichen Ergebnis.

Nächster Schritt abmelken und per Flasche eingeben. Aber „der Ärger“: es kommt keine Milch mehr obwohl das Euter noch gut gefüllt aussieht. Also muss der Tierarzt ran. Er kommt auch gleich am nächsten Tag. Keine Mastitis! Erst einmal gut – denkt man aber....der Doktor meint, dass es bei Kühen, insbesondere beim Milchvieh manchmal vorkommen kann, dass sie die Milch hormonell bedingt zurückhalten. Man würde eine Injektion setzen und dann muss spätestens in einer halben Stunde der Milchfluss richtig einsetzen. Zum Glück hatte er alles dabei. Also Spritze geben und warten. Doch ...auch das half nichts.

Was nun? Unser Doc meinte, da könnt ihr nur versuchen das Kalb per Flasche mit Milchersatz groß zu ziehen, da der Aufwand vor jedem Trinken eine Spritze zu setzen zu groß und die Chance, dass es irgendwann wieder funktioniert zu klein sei.

Milchpulver haben wir natürlich nicht vorrätig, warum auch, wurde bisher nie gebraucht. Also telefoniere ich die Nachbarbetriebe ab und werde in Petersdorf bei guten Bekannten mit einer großen Herde Fleischvieh (Kreuzung Fleckvieh – Limousin) fündig. Ich kann mir eine große Büchse voll holen und Chefin Heidi  gibt mir auch gleich noch einen Kälbereimer mit, falls es mit der Flasche nicht funktioniert, meint sie. Und es funktioniert nicht, weder mit Flasche, noch mit Eimer. Ums Verrecken nicht, will die Kleine dieses künstliche Gebräu saufen. Wir geben unser Bestes, aber umsonst.

Zuvor habe ich beim Milchpulverholen noch einen kleinen Schwatz gemacht und dabei erfahren, das eine Erstkalbin in Heidis Betrieb unter Milch steht. Sie hatte am Tag zuvor das Bullkalb verloren hat, weil es zu groß und bereits unter der Geburt verendet war. Zur Not, könnten wir ja versuchen, unser Kalb zu dieser „Mutter ohne Kind“ zu bringen.

Also fahren wir nach einem weiteren Telefonat mit Kalb auf dem Schoß im PKW (weil Pick up ist in der Werkstatt – und somit können wir auch keinen Hänger ziehen) nach Petersdorf, wo Heidi mit der Kuh auf uns wartet. An diesem Abend passiert nix mehr, die Kuh guckt nur und das Kalb geht mal kurz schnuppern. Wir lassen Dertrud aber trotzdem da und die Chefin verspricht sich darum zu kümmern.

Am nächsten Tag gegen Mittag kommt dann die erlösende Nachricht, dass Dertrud säuft. Jetzt fließen erst einmal Tränen der Erleichterung. Damit ist das Ganze aber noch nicht beendet. Vorerst lassen wir beide im Stall in Petersdorf, merken jedoch nach einiger Zeit, dass diese „Stallhaltung“ für ein „Highland Cattle“ Kalb nicht das Optimale ist. Während unsere anderen Kälber auf der Weide hoch und runter flitzen und Muskeln ansetzen, wird klein Dertrud nicht strammer. Also Kalb zwar vor dem Verhungern gerettet, aber mehr auch nicht. Und so versuchen wir Familie Sch. schonend beizubringen, das es doch das Beste wäre, wenn wir beide zu uns holen und sie versuchen in die Herde zu integrieren. Die Kuh könnte ja dann als Ausgleich für die Mühen mit dem Kalb von unserem Bullen gedeckt werden, so dass das kommende Kalb evtl. nicht zu groß für sie sein würde. Inzwischen war das Wetter auch so, dass man einer Kuh ohne langes Fell zumuten konnte, im Freien zu übernachten. Nur die Hörner bereiteten allen noch Sorgen. Nachdem auf beiden Seiten der Familienrat getagt hatte, kamen Dertrud mit Ersatzmama „Elfriede“(so nennen wir sie) am 01.06.16 zu uns. Vorerst auf den Hof, damit wir uns an sie und umgekehrt sie sich an uns gewöhnen konnte.  Denn wir hatten beide zwar sehr oft besucht, aber zutraulich war Elfriede überhaupt nicht.

Zuvor mussten wir jedoch noch die Genehmigung von unserer Zertifizierungsstelle einholen, das wir die Ammenkuh in unseren Betrieb aufnehmen durften, da es sich bei Elfriedes zu Hause um einen konventionellen Betrieb handelt (warum einfach, wenn`s auch kompliziert geht). Aber welch ein Wunder, es ging mal ohne Bürokratie und lange Wartezeiten, innerhalb weniger Stunden, nach einem Telefonat und einem Fax hatten wir die Zusage. Also wird doch alles gut :-)

Am 11.06.16 kam der große Moment, große Kuh ohne Hörner in Herde zu „kleineren“ Kühen mit Hörnern. Matteo unser Zuchtbulle hat sich ihrer gleich angenommen und sie entsprechend geprüft. „Frischfleisch“. Auch alle anderen Damen waren der Meinung die Neue quer über die Weide zu scheuchen. Aber Elfriede war klug genug allen Streitereien und zänkischen Versuchen der gehörnten Weiber aus dem Weg zu gehen. Inzwischen ist sie zwar Rang-niedrig, aber gut integriert. Detrud flitzt mit den anderen Kälbern um die Wette und hat sich prächtig entwickelt.

Nach dem Absetzen wird die Ammenkuh wieder in ihren ursprünglichen Betrieb zurück gebracht, denn so war der Deal.

Mama Dertrud hat übrigens nie nach ihrem Kind gefragt, nachdem wir es ihr weggenommen haben. Kein Muhen und rufen. Es sollte sicherlich so sein.

 

 

 

Ein Text! Sie können ihn mit Inhalt füllen, verschieben, kopieren oder löschen.

 

 

Unterhalten Sie Ihren Besucher! Machen Sie es einfach interessant und originell. Bringen Sie die Dinge auf den Punkt und seien Sie spannend.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Landesverband Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt